Werkstattrisiko in der Kaskoversicherung: BGH setzt klare Grenzen

Was ist das Werkstattrisiko?

Mit Werkstattrisiko ist vereinfacht die Frage gemeint, wer die Folgen trägt, wenn eine Werkstatt mehr abrechnet, als für die Reparatur objektiv erforderlich gewesen wäre. Das kann etwa überhöhte Stundenverrechnungssätze, unnötige Arbeitsschritte oder Leistungen betreffen, die gar nicht erbracht wurden. Für Kunden ist das häufig schwer zu erkennen: Sie beauftragen eine Fachwerkstatt und gehen davon aus, dass deren Rechnung in Ordnung ist.

Haftpflicht und Kasko sind nicht dasselbe

Im Haftpflichtrecht, also wenn der Unfallgegner beziehungsweise dessen Haftpflichtversicherer zahlen muss, gilt seit Langem ein versichertenfreundlicher Grundsatz: Das Werkstattrisiko liegt grundsätzlich beim Schädiger. Der Geschädigte soll nicht auf Mehrkosten sitzen bleiben, die er weder verursacht noch beeinflusst hat.

Bei der Kaskoversicherung ist die Ausgangslage jedoch anders. Hier verlangt der Versicherungsnehmer Leistungen aus seinem eigenen Versicherungsvertrag. Der BGH stellt klar: Die haftpflichtrechtlichen Regeln lassen sich nicht einfach übertragen. Entscheidend ist vielmehr, was die konkret vereinbarten Allgemeinen Bedingungen für die Kfz-Versicherung (AKB) vorsehen.

Die Entscheidung des BGH

Im entschiedenen Fall ließ eine Versicherungsnehmerin ihr vollkaskoversichertes Fahrzeug nach einem Parkschaden reparieren. Der Versicherer ersetzte die Rechnung nicht vollständig und kürzte rund 389 Euro. Seine Begründung: Bestimmte Arbeiten seien objektiv nicht erforderlich gewesen.

Der BGH bestätigte diese Kürzung. Die in den AKB zugesagten „erforderlichen Kosten“ erfassen nach Auffassung des Gerichts nur Aufwendungen, die ein wirtschaftlich vernünftig handelnder Betroffener für eine fachgerechte Reparatur einsetzen würde. Überflüssige, überteuerte oder nicht ausgeführte Maßnahmen gehören danach grundsätzlich nicht zum versicherten Reparaturaufwand. Eine andere Bewertung kann allerdings in Betracht kommen, wenn der Versicherer selbst Vorgaben zur Auswahl der Werkstatt gemacht hat.

Was Versicherungsnehmer jetzt beachten sollten

Das Urteil bedeutet nicht, dass jede Rechnungskürzung richtig ist. Versicherer müssen nachvollziehbar darlegen können, weshalb eine Position nicht erforderlich gewesen sein soll.

Dennoch ist es sinnvoll, frühzeitig vorzusorgen:

  • Holen Sie vor Reparaturbeginn möglichst einen Kostenvoranschlag ein und stimmen Sie das weitere Vorgehen mit dem Versicherer ab.
  • Melden Sie den Schaden früh und binden Sie den Versicherer in die Abwicklung ein, insbesondere bei größeren Reparaturen.
  • Prüfen Sie die Rechnung auf Plausibilität und lassen Sie sich unklare Positionen von der Werkstatt erläutern.
  • Wenn der Versicherer bereits gekürzt hat, lassen Sie die Begründung prüfen. Eine Kürzung ist nicht allein deshalb berechtigt, weil der Versicherer sie behauptet.

Fazit

Die Entscheidung stärkt im Kaskofall die Position der Versicherer gegenüber ihren Kunden. Versicherungsnehmer sollten den Versicherer deshalb möglichst vor Beginn der Reparatur einbinden und Unterlagen sorgfältig aufbewahren. Wer eine Kürzung erhalten hat oder befürchtet, sollte nicht vorschnell auf den Restbetrag verzichten, sondern die Angelegenheit anwaltlich prüfen lassen.

Sie haben Fragen zum Werkstattrisiko in der Kaskoversicherung? Sprechen Sie uns an!

Sollten Sie im Hinblick auf diese vorstehenden Ausführungen Fragen haben, melden Sie sich gerne bei unserer Rechtsanwältin Frau Sina Bader über unsere Mitarbeiterin Frau Sander per E-Mail an sander@dhk-law.com oder unter der Telefonnummer 0241 946210.

Beitrag veröffentlicht am
11. September 2026

Diesen Beitrag teilen

Diese Fachbeiträge könnten Sie auch interessieren:

Interne Ereignisse
26.10.2026

Kunstausstellung „Naturgemäß“ von Elsa Hagelskamp

Am 12. November 2026 um 18 Uhr eröffnen wir in unseren Kanzleiräumen in Aachen die Ausstellung „Naturgemäß“ der Künstlerin Elsa Hagelskamp. Freuen Sie sich auf inspirierende Kunstwerke, anregende Gespräche und einen besonderen Abend in entspannter Atmosphäre.

Beitrag lesen
© JARAMA, istock.com
Medizinrecht
23.10.2026

Konkurrentenstreit um Arztsitze: Wann erledigt sich das Auswahlverfahren von selbst – und welche strategischen Chancen eröffnet das?

Urteil des Bundessozialgerichts (BSG) vom 11.12.2024 – B 6 KA 11/23 R und bestätigendes Urteil des BSG vom 26.3.2025 – B 6 KA 7/24 R Der Wettbewerb um Arztsitze oder Anstellungsgenehmigungen beschäftigt viele Ärztinnen und Ärzte sowie Medizinische Versorgungszentren (MVZ). In einem vor dem Bundessozialgericht (BSG) entschiedenen Fall ging es um die Frage, ob die Vergabe einer Anstellungsgenehmigung automatisch »verpufft«, wenn bestimmte Ereignisse – wie z.B. ein Verzicht auf die Zulassung des ursprünglich Begünstigten oder die Umwandlung der genehmigten Anstellung in eine Zulassung des angestellten Arztes – während des laufenden Rechtsstreits eintreten. Das BSG hat mit Urteil vom 11.12.2024 klargestellt, dass sich in solchen Fällen nicht nur die einzelne Genehmigung, sondern das gesamte Auswahlverfahren erledigt. Mit Urteil vom 26.3.2025 hat der 6. Senat diese Grundsätze inzwischen ausdrücklich bestätigt und für die Frage nutzbar gemacht, unter welchen Voraussetzungen eine Anstellungsgenehmigung überhaupt erteilt werden darf. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe, die rechtlichen Zusammenhänge sowie die praktischen Konsequenzen für Ärztinnen, Ärzte und MVZ-Betreiber, die sich an Zulassungsverfahren beteiligen.

Beitrag lesen
Familienrecht
16.10.2026

Nach der Trennung im Eigenheim: Wem stehen welche Zahlungen zu?

Wenn ein Ehegatte auszieht, laufen die Kosten für das Eigenheim weiter. Zugleich benötigt die ausgezogene Person meist eine neue Wohnung. Wer in dieser Situation allein auf die Eigentumsanteile schaut, kommt schnell zu dem Schluss: Für die Nutzung „meiner Hälfte“ muss der andere doch monatlich zahlen. So einfach ist die Rechnung während der Trennung nicht. Neben dem Wohnen müssen auch die Finanzierung und die familiären Unterhaltspflichten betrachtet werden.

Beitrag lesen