Das Pitch-Deck als Ein­tritts­kar­te – Chan­cen, Erwar­tungs­druck und Risi­ken

Start-ups und jun­ge Unter­neh­men ste­hen regel­mä­ßig vor der Auf­ga­be, poten­zi­el­le Inves­to­ren von ihrer Geschäfts­idee zu über­zeu­gen und Kapi­tal für Wachs­tums­vor­ha­ben zu gewin­nen. Hier­bei erweist sich das soge­nann­te Pitch-Deck als zen­tra­les Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel. In kom­pri­mier­ter Form fasst es die unter­neh­me­ri­sche Visi­on, Markt­da­ten und zen­tra­le Kenn­zah­len zusam­men. Doch so bedeu­tend das Pitch-Deck für die Unter­neh­mens­fi­nan­zie­rung auch ist, es birgt erheb­li­che recht­li­che Fall­stri­cke. Über­trei­bun­gen, ver­schlei­er­te Risi­ken oder gar vor­sätz­lich irre­füh­ren­de Anga­ben kön­nen erheb­li­che zivil- und steu­er­recht­li­che Haf­tungs­fol­gen nach sich zie­hen – ein Risi­ko, das bei der Erstel­lung sol­cher Prä­sen­ta­tio­nen oft unter­schätzt wird.

Das Pitch-Deck im Fokus: War­um gera­de hier juris­ti­sche Gefah­ren lau­ern

Wor­um han­delt es sich bei einem Pitch-Deck, und was macht es recht­lich rele­vant?

Ein Pitch-Deck wird typi­scher­wei­se als PDF oder Power­Point ver­sen­det, meist im Kon­text von Finan­zie­rungs­run­den an Inves­to­ren. Es dient als kom­pak­te Infor­ma­ti­ons­quel­le, bün­delt Unter­neh­mens­da­ten, Markt­ein­schät­zun­gen und vor­aus­sicht­li­che Ent­wick­lun­gen – mit­un­ter ver­se­hen mit einer Pre-Money-Bewer­tung, also dem Unter­neh­mens­wert vor Kapi­tal­ein­la­ge neu­er Inves­to­ren. Trotz gele­gent­li­cher Kenn­zeich­nung als „unver­bind­lich“ ent­fal­tet das Pitch-Deck in der Pra­xis erheb­li­che recht­li­che Rele­vanz: Als Grund­la­ge für Ver­trags­ver­hand­lun­gen oder Ent­schei­dungs­fin­dun­gen der Kapi­tal­ge­ber steht es rasch im Zen­trum der zivil­recht­li­chen Betrach­tung.

Haf­tungs­ge­fah­ren: Rechts­grund­la­gen und Fall­stri­cke

1. Die sit­ten­wid­ri­ge vor­sätz­li­che Schä­di­gung nach § 826 BGB

Unter­neh­me­ri­sches Han­deln fin­det sei­ne Gren­zen vor allem dann, wenn es in vor­sätz­li­cher Wei­se einem ande­ren in sit­ten­wid­ri­ger Form einen Scha­den zufügt. Die Haf­tung nach § 826 BGB setzt zwei Vor­aus­set­zun­gen vor­aus:

  • Objek­tiv: Das Gesamt­ver­hal­ten muss nach sei­nem Cha­rak­ter das Anstands­ge­fühl recht und bil­lig den­ken­der Men­schen ver­let­zen. Nicht jede Über­trei­bung ist aus­rei­chend – es bedarf eines beson­ders ver­werf­li­chen Vor­ge­hens, etwa geziel­ter Täu­schung oder eigen­nüt­zi­ger Moti­ve.•
  • Sub­jek­tiv: Ein beding­ter Vor­satz genügt – der Han­deln­de muss zumin­dest wis­sent­lich in Kauf neh­men, dass fal­sche Anga­ben beim Adres­sa­ten zu einem Ver­mö­gens­scha­den füh­ren.

Gera­de bei vor­sätz­li­cher Irre­füh­rung ist das Haf­tungs­ri­si­ko gra­vie­rend: Nicht nur das Unter­neh­men, son­dern auch Geschäfts­füh­rer, Grün­der und aktiv ein­ge­bun­de­ne Gesell­schaf­ter haf­ten – zumal Ver­si­che­run­gen regel­mä­ßig jede Deckung bei vor­sätz­li­chem Han­deln ver­wei­gern.

Pra­xis­fall: Die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung stellt ein­deu­tig klar: Wer Inves­to­ren durch arg­lis­ti­ge Anga­ben in wer­ben­den Unter­la­gen, bei­spiels­wei­se lücken­haf­ten Emis­si­ons­pro­spek­ten, zu einer Betei­li­gung ver­lei­tet, kann nach § 826 BGB scha­dens­er­satz­pflich­tig wer­den – bis hin zur umfas­sen­den per­sön­li­chen Haf­tung.

2. Über­höh­te Bewer­tun­gen und irre­füh­ren­de Kenn­zah­len

Start-up-Prä­sen­ta­tio­nen ent­hal­ten regel­mä­ßig ambi­tio­nier­te Pro­gno­sen und opti­mis­ti­sche Annah­men – bis zu einem gewis­sen Grad aner­kannt. Doch bestimm­te Feh­ler sind recht­lich beson­ders hei­kel:

  • Ein­sei­ti­ge Dar­stel­lung bzw. Ver­schwei­gen wesent­li­cher Risi­ken: Wer­den wich­ti­ge Risi­ken (wie Liqui­di­täts­schwie­rig­kei­ten oder bald aus­lau­fen­de Ver­trä­ge) aus­ge­spart oder schön­ge­re­det, wächst die Gefahr erheb­lich.
  • Fal­sche Anga­ben bei Finanz­kenn­zah­len: Wich­ti­ge Mess­grö­ßen wie Annu­al Recur­ring Reve­nue (ARR) wer­den mit­un­ter schön­ge­rech­net, Ein­mal­um­sät­ze auf Dau­er gestellt oder ope­ra­ti­ve Kos­ten sys­te­ma­tisch klein­ge­rech­net.

Die Recht­spre­chung – nament­lich der Bun­des­ge­richts­hof – zieht kla­re Gren­zen: Wird durch ein sol­ches Vor­ge­hen der wah­re Wert oder das tat­säch­li­che Risi­ko gegen­über Inves­to­ren ver­schlei­ert, ist die Schwel­le zur beson­ders ver­werf­li­chen Täu­schung häu­fig über­schrit­ten.

Was droht im Ernst­fall? Haf­tungs­fol­gen und pro­zes­sua­le Beson­der­hei­ten

Per­sön­li­che Haf­tung wird zur Rea­li­tät

Die delikts­recht­li­che Außen­haf­tung kann jeden tref­fen, der wis­sent­lich oder bil­li­gend eine Täu­schung unter­stützt hat – nicht nur die Geschäfts­lei­tung, son­dern eben­so betei­lig­te Gesell­schaf­ter.

Rück­ab­wick­lung und wei­te­re zivil­recht­li­che Fol­gen

Ist das Invest­ment auf einer arg­lis­ti­gen Täu­schung auf­ge­baut, hat der Inves­tor einen Anspruch auf Rück­ab­wick­lung: Die erhal­te­nen Gel­der sind zurück­zu­zah­len, ggf. inklu­si­ve Zin­sen, Unter­neh­mens­an­tei­le sind zu über­tra­gen – im schlimms­ten Fall droht eine voll­stän­di­ge Rück­ab­wick­lung der Trans­ak­ti­on.

Steu­er­li­che Fall­stri­cke

Über­höh­te Unter­neh­mens­be­wer­tun­gen haben oft auch steu­er­li­che Kon­se­quen­zen. Über­steigt der Kauf­preis den tat­säch­li­chen Wert, kann dies spä­te­re Ver­lust­ver­wer­tun­gen erschwe­ren oder zur Annah­me ver­deck­ter Aus­schüt­tun­gen füh­ren. Beson­ders im Kon­zern­ver­bund dro­hen Nach­be­las­tun­gen durch Trans­fer­preis-Anpas­sun­gen.

Beweis­last und Pro­zesserleich­te­run­gen für Geschä­dig­te

Inves­to­ren müs­sen die Vor­aus­set­zun­gen einer Haf­tung grund­sätz­lich dar­le­gen und bewei­sen. Bei offen­sicht­li­chen Infor­ma­ti­ons­de­fi­zi­ten kann das Gericht die Dar­le­gungs­last jedoch zulas­ten der Gesell­schaft und ihrer Orga­ne ver­schie­ben.

Prä­ven­ti­on und Hand­lungs­emp­feh­lun­gen: Wach­sam­keit ist der bes­te Schutz

Für Grün­der, Gesell­schaf­ter und Geschäfts­füh­rer:

  • Offen­heit und Ehr­lich­keit bei der Dar­stel­lung von Chan­cen und Risi­ken. Wer bewusst ver­schlei­ert, geht ein erheb­li­ches Risi­ko ein.
  • Sorg­fäl­ti­ge Über­prü­fung der ver­wen­de­ten Kenn­zah­len sowie Doku­men­ta­ti­on der unter­leg­ten Annah­men.
  • Ein­bin­dung sach­kun­di­ger exter­ner Bera­ter aus Rechts- und Steu­er­be­ra­tung schon im Vor­feld.
  • Sinn­vol­le ver­trag­li­che Rege­lun­gen, wie z.B. Dis­clai­mern oder detail­lier­te Offen­le­gungs­stan­dards – dabei bleibt die Haf­tung für vor­sätz­li­ches Fehl­ver­hal­ten stets unüber­trag­bar.

Für spä­te­re (inves­tie­ren­de) Gesell­schaf­ter:

  • Gründ­li­che Due-Dili­gence-Prü­fun­gen und die Doku­men­ta­ti­on erkann­ter Risi­ken schüt­zen vor Mit­ver­ant­wor­tung.
  • Ver­hand­lung von MAC-Klau­seln („Mate­ri­al Adver­se Chan­ge“) und Haf­tungs­zu­si­che­run­gen zum Schutz bei nach­träg­li­cher Infor­ma­ti­ons­er­schlie­ßung.

Schluss­be­trach­tung: Trans­pa­renz, Doku­men­ta­ti­on und Fair­ness zah­len sich aus

Das Pitch-Deck bil­det die Grund­la­ge für ent­schei­den­de unter­neh­me­ri­sche Wei­chen­stel­lun­gen und prägt das Ver­hält­nis zwi­schen Unter­neh­men und Inves­to­ren maß­geb­lich. Wer Trans­pa­renz, Sorg­falt und eine fun­dier­te Doku­men­ta­ti­on zum eige­nen Leit­prin­zip erhebt, schützt sich und sein Unter­neh­men nicht nur vor recht­li­chen Risi­ken, son­dern sichert auch das Ver­trau­en der Kapi­tal­ge­ber. Um dem Anspruch der Recht­spre­chung an fai­re und wahr­heits­ge­mä­ße Kom­mu­ni­ka­ti­on gerecht zu wer­den, ist ein sau­be­rer, rea­li­täts­na­her und doku­men­tier­ter Umgang mit Unter­neh­mens­da­ten uner­läss­lich.

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Über den Autor

  • Christoph Schmitz-Schunken

    Chris­toph Schmitz-Schun­ken ist zuge­las­se­ner Rechts­an­walt seit 2005, Steu­er­be­ra­ter, Fach­an­walt für Han­dels- und Gesell­schafts­recht, Fach­an­walt für Steu­er­recht, zert. Bera­ter Steu­er­straf­recht (DAA) und Mit­glied im Vor­stand der Rechts­an­walts­kam­mer Köln.

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